Romantische Flitterwochen
Der Balkon, auf dem wir beim Frühstück saßen, überblickte den großzügigen und gepflegten Garten des Hotels, der in sanftem Gefälle zum Meer hinunterführte. Im Schatten von Zedern und Pinien luden kleine runde Tische und Stühle aus Schmiedeeisen und Korbgeflecht zum Verweilen ein. Eichhörnchen flitzten zwischen den Bäumen, Vögel untermalten die betörende Stimmung mit ihrem Gesang, und die Luft war erfüllt von den würzigen Düften, wie sie nur der Spätsommer zu bieten hat. Kurz und gut, das Hotel war ein sehr romantischer Ort und damit gerade richtig für längere Flitterwochen. Unsere Flitterwochen.
Maja, meine frischgebackene Frau, trug einen silbergrauen Morgenmantel aus Seide. Ihr kastanienbraunes Haar fiel ihr offen über den Rücken, und die Spitzen ihrer delikaten Ohren lugten daraus hervor. Ihre mandelförmigen Augen in der Farbe dunklen Honigs blitzten vor Vergnügen, während sie hinaus aufs Meer blickte. Ich saß da und war – wie in den letzten Tagen so oft – fassungslos, dass eine solche Schönheit mir tatsächlich das Ja-Wort gegeben hatte. Dabei war sie nicht nur schön, sondern auch sehr klug und selbstbewusst. Was sie an mir fand? Ich hatte keine Ahnung! Wer war ich denn schon? Kein Millionär, kein einflussreicher Kopf, kein charismatischer Mann. Ich gestehe mir selbst zu, dass ich nicht gerade schlecht aussehe und einigermaßen gebildet bin, aber ich führe kein aufregendes Leben, gehe selten auf Reisen und könnte ihr, auch wenn ich finanziell nicht schlecht gestellt war, ganz sicher nicht die Welt zu Füßen legen. Ich war nur ein Arzt, wenn auch ein guter, denke ich. Trotzdem hatte Maja mich vor wenigen Tagen geheiratet, und jetzt waren wir uns auf Hochzeitsreise. Genauer gesagt: Wir weilten in der Hafenstadt Cadric am Jaspischen Meer, am südlichsten Zipfel des südlichen Königreichs. Ich hatte hier ein malerisches kleines Hotel gefunden, das seinen Gästen nicht nur ein vorzügliches Restaurant, sondern auch eine kleine Bibliothek anbot. Gerade Letzteres wusste ich sonst immer sehr zu schätzen, wenn ich mal nicht schlafen konnte – was zugegeben seit meiner Hochzeit mit Maja nicht mehr vorgekommen ist.
„Ist es nicht herrlich hier?“, fragte ich meine Gattin. „In Laundom zieht schon der Herbst ein, und hier ist es noch so warm wie im Sommer. Und die Luft so klar und mild!“
„Ja, man bekommt richtig Lust hierzubleiben“, nickte Maja.
Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte.
„Möchtest du hierherziehen?“, fragte ich also vorsichtig.
„Nicht wirklich.“ Sie lachte. „Vermutlich würde es mir auf Dauer zu langweilig werden. Und ich müsste mir einen anderen Beruf suchen. Wie sollte ich hier aufregende Artikel schreiben? In dieser kleinen Stadt passiert doch nie etwas.“
„Da hast du wahrscheinlich recht.“
„Aber auf jeden Fall möchte ich die Stadt genau kennenlernen. Als ich das letzte Mal hier war, war ich ja nur auf der Durchreise nach Saragessa. Oh, schau nur, Artur!“ Sie wies mit der Hand auf das Meer hinaus. „Dort am Horizont kann man die Insel sogar sehen.“
Ich blickte in die Richtung und kniff die Augen ein wenig zusammen.
„Tatsächlich!“, stimmte ich ihr zu. „Und da warst du also für Interviews. Ich erinnere mich, du hast sehr von der Insel geschwärmt. Und es leben wirklich nur Fabelwesen dort?“
„Ein oder zwei Menschen gibt es schon. Aber im Prinzip ist es ein Refugium für alle Arten von Fabelwesen“, erzählte Maja eifrig. „Graf Alexander von und zu Saragessa legt größten Wert darauf, dass seine Untertanen ungestört von Menschen leben können.“
„Untertanen? Ich dachte, er wurde gewählt.“
„Wurde er ja auch. Aber trotzdem, wenn man ihn dann sieht …“ Maja wedelte mit der Hand. „Der Adel dringt ihm praktisch aus jeder Pore.“
„Er ist ein Greif, nicht wahr?“
„Oh ja, und ein wirklich imposanter. Und eloquent. Es war eine wahre Freude, ihn zu interviewen. Ich musste fast gar nichts tun.“
„Du bist zu bescheiden“, merkte ich freundlich an. „Du hast immerhin den Preis als beste Journalistin dafür bekommen. Das will doch was heißen!“
„Ach ja.“ Sie errötete, was ihr ausgezeichnet stand. „Aber eigentlich habe ich ihn gar nicht verdient.“
„Und ob du das hast!“, protestierte ich.
Weiter kam ich nicht, denn es klopfte an der Tür, und ein Hotelpage trat ein.
„Verzeihen Sie die Störung“, entschuldigte er sich. „Ich habe hier eine Nachricht für Sie, Herr Doktor Heystings.“ Er präsentierte mir auf einem kleinen Silbertablett einen cremefarbenen Umschlag.
„Nanu, was kann das denn sein?“, wunderte ich mich. „Ich kenne hier doch niemanden.“
Ich gab dem jungen Mann ein Trinkgeld und zog eine Karte aus dem Umschlag.
‚Fürst Maximilian, der Souverän dieser Stadt, bittet Doktor Artur Heystings, ihn heute im Laufe des Vormittags aufzusuchen‘ stand darauf.
„Nanu? Was kann der Fürst denn von mir wollen?“ Ich war einigermaßen ratlos.
„Bestimmt hat der Fürst gehört, dass du ein großer Arzt in Pendrin gewesen bist“, mutmaßte Maja. „Und als er erfuhr, dass du in seiner Stadt bist, hat er die Gelegenheit wahrgenommen, dich einzuladen.“
„Ich glaube nicht, dass man mich als ‚großen‘ Arzt bezeichnen kann, weder in Pendrin noch in Laundom“, wehrte ich ab. „Und überhaupt, er hat doch sicher seine eigenen Leibärzte. Was kann er denn da von mir wollen?“
„Vielleicht hat er ein Leiden, bei dem ihm seine Ärzte nicht helfen können.“
„Nun, wenn das so ist, wird er bei mir wohl auch kein Glück haben. Ich habe in erster Linie eingebildete Kranke behandelt, bevor ich nach Laundom umzog.“
„Jetzt bist du aber derjenige, der zu bescheiden ist!“, lachte meine Frau, was sie nur noch schöner machte.
„Wie auch immer, so eine Einladung ist eine Ehre. Du musst auf jeden Fall hingehen.“
„Ja, das muss ich wohl.“
„Am besten gehst du gleich nach dem Frühstück! Danach werden wir die Stadt erkunden. Es gibt da ein paar wunderschöne Plätze, von denen ich gehört habe. Ich habe da vor allem ein romantisches kleines Restaurant im Sinn, in das ich dich heute Abend führen werde …“ Sie lächelte verführerisch.
„Weißt du, ich denke, ein wenig wird der Fürst schon noch warten können. Immerhin sind wir in den Flitterwochen.“
***
Das Schloss des Fürsten lag auf dem Hügel in der Mitte der Stadt. Hinter einem hohen Zaun aus Schmiedeeisen und Sandstein erhob sich ein Gebäude mit zwei Flügeln, flankiert von Pinien, Eichen, Feigenbäumen und sogar der einen oder anderen kleinen Palme. Das Hauptgebäude war eigentlich nur ganz schlicht viereckig, ebenso wie die beiden Flügel. Keine Erker, Türmchen oder sonstiger Schnickschnack störten die schlichte Eleganz, die von hohen Rundbogenfenstern noch betont wurde. Mein Freund Erkül Bwaroo hätte sicher seine Freunde daran gehabt, ging es mir durch den Sinn. Der Elfendetektiv hatte eine Schwäche für Symmetrie.
Am Tor wurde ich von zwei Wachmännern aufgehalten, denen ich die Einladungskarte zeigte. Die beiden tauschten einen Blick, den ich nicht zu deuten vermochte, und wiesen mir dann den Weg zum Schlosseingang.
Über einen Fußweg aus hellem Sand ging ich also zwischen gepflegten Blumenbeeten zu einem von blühendem Oleander flankierten Eingangstor.
Ein Lakai nahm mich in Empfang und führte mich durch ein wahres Labyrinth von Gängen. Ich hoffte, er würde mich auch wieder zurückbringen, denn allein würde ich mich heillos verlaufen. Auf dem Weg hüllte er sich in düsteres Schweigen und beantwortete meine Fragen so knapp wie nur möglich, wenn überhaupt. Ich schwieg also bald und sah mich stattdessen um.
Die Wände zierten exquisite Wandbehänge, das Parkett glänzte wie frisch gebohnert. Aber es war seltsam still ringsum, und ich sah kaum andere Menschen. Doch endlich kamen wir an zwei Bewohnern vorbei, die sich gerade unterhielten. Der eine war ein hochgewachsener Mann. Allerdings zog meine Aufmerksamkeit eher das Wesen auf sich, mit dem er sich unterhielt. Das war ein großer rotgetigerter Kater, der auf seinen Hinterbeinen stand, die in braunen Stiefeln steckten. Das einzige weitere Kleidungsstück war ein breitkrempiger Hut mit einer großen Feder. Nun, in der Nachbarschaft von Saragessa sollte ich mich darüber vielleicht nicht wundern. Die beiden schienen in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Doch als wir an ihnen vorbeigehen wollten, hielt der Mann uns auf.
„Sie müssen der Arzt sein“, stellte er fest.
„Nun ja, ich bin Arzt, stimmt.“
„Ah.“ Der Kater musterte mich belustigt. „Wieder einer.“ Er sah meine Verwirrung über diese Bemerkung und wandte sich an meinen Begleiter. „Ich werde den Herrn Doktor persönlich zum Fürsten bringen.“
„Gern.“ Der Mann nickte mir knapp zu und machte dann, dass er wegkam.
„Immer wieder lustig, wie schnell sie weg sind“, stellte der Kater fest.
„Darf ich fragen warum?“, wunderte ich mich.
„Sie reden nicht gerne über den Fürsten.“ Der Kater hob in einer hilflosen Geste die Pfoten. „Und der eine oder andere kommt nicht klar damit, dass ich auf den Hinterbeinen laufe und sprechen kann.“
„Aber mit der Insel Saragessa in unmittelbarer Nachbarschaft müssten die Leute doch so etwas gewohnt sein“, wunderte ich mich.
„Wenn Sie wüssten!“ Der Kater schüttelte den Kopf. „Die Fabelwesen bleiben in der Regel auf der Insel unter sich, und die Leute hier sind heilfroh darüber. Dass der Besuch der Insel für Menschen so gut wie verboten ist, macht es nicht besser. Es kursieren die wildesten Gerüchte, zum Beispiel, dass die Fabelwesen eine Invasion planen. Und ich bin schon mal die Vorhut …“ Er lachte, aber ein wenig gezwungen. „Stellen Sie sich vor: Eine Ein-Kater-Invasion, um die Herrschaft hier zu übernehmen … Aber wie unhöflich von mir. Darf ich mich vorstellen: Ich bin Djego …“
„Erstaunlich, dass Sie so gar keinen Akzent haben“, rutschte es mir heraus.
„Arriba, arriba, ándale, ándale …“ Djego verzog das Gesicht.
„Mexikanisch? Komisch, irgendwie denke ich da immer an eine Maus.“
„Dann vielleicht lieber spanisch? Más rápido, vamos …“
„Verzeihung“, stammelte ich verlegen, „es ist nur, der Name und dann diese Stiefel und der Hut …“
„Na, wenigstens wundern Sie sich nicht, dass ich keinen Degen trage. Also, ich bin Djego, und das ist Doktor Albrecht Duhr, der Leibarzt unseres Fürsten.“
„Oh, sehr erfreut. Aber wenn der Fürst schon einen Leibarzt hat, was mache ich dann hier? Ist es eine besonders seltene Krankheit? Ich fürchte, da kann ich nicht …“
„Oh nein, selten würde ich sie nicht nennen“, wehrte Doktor Duhr meinen Einwand ab. „Es ist eher … wie soll ich sagen … Na ja, vielleicht schauen Sie sich das Ganze erst einmal selbst an.“
„Na na, Albrecht …“, tadelte da der Kater, „du wirst doch nicht etwa genauso kneifen oder unverständliches Zeug in deinen nichtvorhandenen Bart murmeln wie alle anderen?“
„Eine unvoreingenommene Herangehensweise ist doch nicht das Schlechteste!“, protestierte der Doktor. „Äh … aber eines sollten Sie wissen, Doktor Heystings: Egal was passiert, schlagen Sie nicht, niemals und unter gar keinen Umständen eine Diät oder mehr Bewegung vor!“
Ich gestehe, dass mich diese Äußerung nicht wirklich weiterbrachte. Am naheliegendsten war, dass der Fürst wohl etwas übergewichtig war. Aber das war wohl kaum ein Grund, um einen fremden Arzt hinzuzuziehen. Ich nickte jedoch nur – ganz Verständnis – und folgte den beiden weiter den Gang entlang. Vielleicht war der Fürst ja auch ein Hypochonder, ein eingebildeter Kranker, der sich alle möglichen lebensgefährlichen Leiden einbildete und beleidigt war, wenn man ihm sagt, dass er im Großen und Ganzen kerngesund ist.
„Ihr Name kommt mir bekannt vor“, bemerkte Duhr unterwegs. „Ich glaube, ich habe ihn schon irgendwo gelesen. Haben Sie vielleicht schon einmal etwas veröffentlicht?“
„Nein.“Ich schüttelte den Kopf. „Vielleicht sind Sie in der Presse schon mal über den Namen gestolpert“, bot ich dann an. „Ich bin gut befreundet mit dem Privatdetektiv Erkül Bwaroo und konnte ihm schon mehrmals assistieren.“
„Hm, ja, das kann sein“, stimmte Duhr mir zu. „Erkül Bwaroo, der Elfendetektiv, nicht wahr?“
„Ja, richtig.“
„Ein Detektiv? Wie aufregend!“, lachte Djego. „Dann werde ich in nächster Zeit besser die Pfoten vom Tafelsilber lassen.“
